
Die verschiedenen Schreibweisen meines Familiennamens im Lauf der Jahrhunderte
Der Familienname KRAUS(ß) ist ein sog. Übername zu mhd. krūs >kraus, gelockt< für einen Menschen mit lockigem, krausem Haar.1 Wer nun mein Vorfahr war, der aufgrund seiner krausen Haare erstmals diesen Familiennamen bekam, wird sich aufgrund fehlender Quellenlage wohl nicht mehr ermitteln lassen.
Aus der Namenkunde wissen wir, dass sich ab dem 15. Jahrhundert die Familiennamen durchsetzten. Jedoch im Erzgebirgsraum war die Familiennamensgebung erst im 16. Jahrhundert abgeschlossen.2
Beginnend vom 15./16. Jh. bis in die 1870er Jahre wurden Personenstandsfälle nur von den Religionsgemeinschaften verzeichnet. Die Kirchenbücher sind Verzeichnisse (In Böhmen auch als Matriken bezeichnet) über Taufen, Trauungen, Todesfälle, die von Pfarrern meist in chronologischer Reihenfolge angelegt wurden. Sie sind öffentliche Urkunden über die in ihnen verzeichneten kirchlichen Amtshandlungen.3
Aufgrund der bis ins 18. Jahrhundert und noch darüber hinaus fehlenden allgemein verbindlichen Rechtschreibung der deutschen Sprache und den örtlich dialektbedingten Gegebenheiten im deutschen Sprachraum variierte die Schreibweise der Familiennamen über Jahrhunderte sehr stark. Zu den wenigen Lese- und Schreibkundigen vergangener Zeiten gehörten kirchliche Amtsträger als Kirchenbuch-Schreiber, die oft innerhalb ihres kirchlich-konfessionellen Religions- oder Amtsbereiches über weite Gebiete hin und her versetzt wurden. Vor Ort stießen diese dann meistens auf für sie schwer verständliche ortsübliche Dialekte. Die Schreibung der Familiennamen erfolgte nach Gehör. Selbst Pastoren schrieben ihren eigenen Familiennamen gerne in verschiedenen Varianten. Vereinzelt findet man in den Kirchenbüchern sogar die Verwendung von Spitznamen.
In einigen westböhmischen Matriken findet man auch sog. Genanntnamen, so z. B. im Jahr 1690 im Kirchenbuch der Bergstadt Platten: "Johann KRAUSens, sonst HAUßKNECHT genand" oder 1687: "Christoff HAHN, sonsten SCHINDEL DOFFEL genandt". Im KB Abertham erscheinen die WERLITZSCH auch unter den Familiennamen WERLITZ und WERLISCH, teilweise auch als WERLITZSCH/ WERLITZ/ WERLISCH sonsten BÜTTNER genannt, teilweise auch nur als BÜTTNER bzw. PÜTTNER.
Latinisierte Familiennamen findet man bei einigen westböhmischen Gelehrten, wie dem Bärringer Schulmeister, Kantor und Hochfürstlich Markgraf-Badischen Stadt- und Gerichtsschreiber Johann Jacob AGRICOLA (um 1643-1726), dem protestantischen Aberthamer Pastor Erasmus PISTORIUS (um 1583-um 1636) oder dem ebenfalls evangelischen Pfarrer Henricus RYHELIUS (1567-1642) aus Oberwiesenthal.
Vielfach wurde in den Kirchenbüchern der Name der betreffenden Person auch gar nicht erwähnt, sondern nur dessen Beruf bzw. die Tätigkeit: „1692: den 2 dito (Marty) ist des Herrn Bergkmeisters Kindt Anna Beata begraben worden“, „1713. Den 3ten 9bris Des Hauß Knechts Kindt“, "1717. Den 17: Febr. Herrn Stadtschreibers Söhnlein", "1717. Den 13 Marty Des Schindlmachers Tochter Kindt", "1717. Den 1ten Juny Ein Holtz Hauer welch ein Baum erschlagen von Neüdeck", "Anno 1719: 12 Marty Sepultus Infans Fossoris Lutherani ex Braittenbach".
Frauen übernahmen mit der Eheschließung den Familiennamen ihres Mannes noch bis ins 18. Jahrhundert in der weiblichen Form mit der Namensendung "in". Mitunter wurden Ehefrauen und Witwen auch komplett mit dem Vor- und Zunamen des Mannes bezeichnet. So erscheint z. B. im Remissorium der Gerichts- und Stadtbücher von Platten schon vor 1568 die Witwe des Blasius HOFFMAN, Anna HOFFMANin, als die „Blasius HOFFMANin Und Yre bayde Kindere“. Auch eine Nennung mit dem weiblichen und dem männlichen Vornamen war bei Frauen möglich, die Witwe des Lorenz FIEDLER, Ludmilla FIEDLERin, erscheint im o. a. Remissorium um oder schon vor 1568 als „Ludimilla Lorentz FIEDLERin“.
Bei Frauen und Kindern wurde häufig auch ganz oder teilweise auf die Nennung des Namens verzichtet, in der Sterbematrik des Kirchenbuches der Bergstadt Platten lesen wir: "Anno 1711. Den 13 Septemb. Ein altes Weib Von Hammerwerk Braitenbach.", "Anno 1711. Den 18 februarius ist Begraben worden Von Hammer Breidenbach Ein Luderisch mensch Eine Jungfer", "Anno 1710. Den 28. Aug. ist Begraben worden, Von der Zwieder miehl des KRAUß gabers Kind“, "Anno 1711. Den 14 May Begraben worden deß KRAUß Kindt“, "1713. Den 26. April Ein Kindt Vom Waldt".
Im 19. Jahrhundert waren einige Mitglieder der böhmischen VON ENDE auf Grund ihres gesellschaftlichen und beruflichen Standes nicht mehr in der Lage, ihren Adel nachzuweisen. In den Kirchenbüchern von Bärringen findet man bei den Einträgen zu den VON ENDE bzw. VON ENDT das Prädikat „von“ mit folgendem Hinweis durchgestrichen: „Laut S. Gub. Dekret v. 23. Nov. 1843 Hr 56500 wurde das Prädikat „von“ bei der ENDTschen Familie untersagt u. die Berichtigung im Taufbuche angeordnet.“ Namensvarianten waren ab da an ENDE, ENDT sowie auch VONEND. Einer der bedeutendsten Vertreter dieser Familie war der Bärringer Lehrer, Volkskundler und Heimatforscher Johann ENDT.
In Deutschland kam mit der Einführung von Standesämtern im Jahr 1874 der jahrhundertelange Prozess der Ausbildung erblicher, fester Familiennamen zu seinem Abschluss: Die Schreibweise der Familiennamen wurde verbindlich festgelegt, jegliche Familiennamenänderung der behördlichen Genehmigung unterzogen. Seitdem sind Veränderungen des Familiennamenbestandes nur noch durch Aussterben von Familiennamen, Einbürgerungen und Änderungen von anstößigen Familiennamen möglich.4
Quellen: 1 DUDEN Familiennamen, Herkunft und Bedeutung von 20.000 Nachnamen, Mannheim 2000, S. 395; 2 Dr. Uwe BAUER „Die SIEGELs – Geschichte einer Eibenstocker Familie im 16. und 17. Jh“, Eibenstock 2020, S. 17; 3 Wikipedia; 4 DUDEN Familiennamen, Herkunft und Bedeutung von 20.000 Nachnamen, Mannheim 2000, S. 19.
1563

1563: Anna KRAUßin aus Ödt in Böhmen war am 20.06.1563 in Neudek Gevatterin bei der Taufe der Margaretha SETLER: “Anna, Jacob KRAUßen Weib Vonn Der Öd”. Dieser Eintrag im KB Neudek beinhaltet nach bisherigem Erkenntnisstand die erste urkundliche Erwähnung meines Familiennamens KRAUß überhaupt. Die Schreibweise erfolgte hier bereits mit dem "ß". Jacob KRAUß (* err. um 1535) war ein Sohn meines Ahnenvaters „Hans CRAUSen aufm Schindlwaldt“. Die Handschrift ist die des evangelischen Pfarrers Wolfgang KURWITZER des Jüngeren VON KURWITZ (1532-nach 1570). (Quellen: Taufmatrik des KB Neudek für das Jahr 1563, pag. 12; Edwin SIEGEL, Erste Pfarr-Matrik 1562-1597 von Neudek im Egerland in Regesten mit Namen- und Ortsregister, Neustadt/Aisch 1992, S. 36, Nr. 39/5.b)
1566

1566: In den Neudeker Matriken wurde der Name KRAUS auch mit einem „K“ am Wortanfang und einem "s" am Wortende geschrieben. Bei der Taufe der Katharina SCHILER am 08.09.1566 wurde von Wolfgang KURWITZER u. a. die "Katharina, Wolf KRAUßens Peckens Tochter" als Gevatterin genannt. Damit ist der Name KRAUß auch in meiner väterlichen Stammlinie mit der Schreibweise mit "ß" erstmals urkundlich erwähnt. (Quellen: Taufmatrik des KB Neudek für das Jahr 1566, Fol. 13; Edwin SIEGEL, Erste Pfarr-Matrik 1562-1597 von Neudek im Egerland in Regesten mit Namen- und Ortsregister, Neustadt/Aisch 1992, S. 40, Nr. 87/13)
Die Schreibweise „KRAUß“ scheint sich erst etwa ab 1600 langsam durchgesetzt zu haben. Die Schreibweisen des Namens variierten sehr stark:
1579

1579: Schreibweise des Namens meines Ahnenvaters „Hans CRAUSen aufm Schindlwaldt“ und der dessen Sohnes Wolf mit „C“ am Wortanfang und einem "s" in der Wortmitte. (Quelle: Trauungsbuch des KB Neudek für das Jahr 1579, Fol. 95)
1651

1651: Schreibweise des Namens meines Stammgroßvaters „Melchior KRAUSens aufm Schindlwaldt“, auch „Melchior KRAUßen Vom Mühlberg“ mit „K“ am Wortanfang, im Bild mit „ß“ in der Wortmitte. (Quelle: Sterbematrik des KB Neudek für das Jahr 1651, Fol. 236)
1651

1651: Schreibweise des Namens meines o. a. Stammgroßvaters „Melchior GRAUSS Häysler so Holczhauer“ mit einem „G“ am Wortanfang und dem Doppel-S am Wortende. (Quelle: Seelenliste für den Elbogener Kreis von 1651, Herrschaft Neudek, Ort Mühlbergk -Abschrift, S. 205)
1657

1657: Schreibweise mit „C“ am Wortanfang und einem „ß“ am Wortende des Namens des Bartholomäus CRAUß aus Mühlberg. (Quelle: Taufmatrik des KB Neudek für das Jahr 1657, Fol. 180)
1663

1663: Eintrag zum Begräbnis der ersten Ehefrau meines Stammvaters „Hans GRAUS" in der BERGMANNschen Exulantensammlung.
1664

1664: Schreibweise des Namens meines o. a. Stammvaters „Hans KRAUß ein Witwer u. Fuhrknecht zu Jugelglashütten“ mit „K“ am Wortanfang und dem „ß“ am Wortende in der bis heute gültigen Schreibweise. (Quelle: Schreiben der Ev.-Luth. Kirchgemeinde Johanngeorgenstadt vom 09.03.2005 - Auszug aus dem dortigen KB)
1709

1709: Schreibweise des Namens des "Johannes KRAUß auß Mülberg". (Quelle: Sterbematrik des KB Neudek für das Jahr 1709, Fol. 657)
1741

1741: Anton KRAUß aus Mühlberg hob am 6. Februar das Kind Anton GROßER aus dem Taufbecken. Hier zeigt sich ebenfalls die bis heute gültige Schreibweise. (Quelle: Taufmatrik des KB Neudek für das Jahr 1741, Fol. 25 )
1792

1792: Schreibweise des Namens meines Alturgroßvaters "Johann David KRAUß, Inwohner und Bergmann zur Untern Jugel“ mit „K“ am Wortanfang und dem „ß“ am Wortende in der bis heute gültigen Schreibweise. (Quelle: Auszug aus dem Taufregister der ev.-luth. Kirchgemeinde Johanngeorgenstadt vom 06.09.1941)
1846

1846: Schreibweise des Namens meines Altvaters Dankgott Friedrich KRAUß mit „K“ am Wortanfang und dem „ß“ am Wortende in der bis heute gültigen Schreibweise. (Quelle: Königlich Sächsisches Gericht Johanngeorgenstadt, Geburts-Schein des Dankgott Friedrich KRAUß vom 16.11.1846 zur Geburt vom 22.05.1826)
1883

1883: Eigenhändige Unterschrift meines Urgroßvaters Gustav Eduard KRAUß. (Quelle: StA Johanngeorgenstadt, Aufgebotsverhandlung vom 29.10.1883)
1890

1890: Eigenhändige Unterschrift des Ernst Hermann KRAUß aus Jugel. (Quelle: StA Johanngeorgenstadt, Aufgebotsverhandlung vom 28.03.1890)
1938

1938: Vor- und Zuname meiner Großmutter Karoline KRAUß. (Quelle: Stadt Johanngeorgenstadt, Bescheinigung für den kleinen Grenzverkehr vom 08.07.1938)
1941

1941: Schreibweise des Namens meines Großvaters Eugen KRAUß in deutscher Schreibschrift auf einer Feldpostkarte von seiner Tochter Ilse.
1958

1968

1968: Absenderangaben meines Großvaters auf einer Eingabe an Walter ULBRICHT vom 04.01.1968.
2019

2019: Schreibweise meines Namens. (Quelle: Stadt Brandenburg an der Havel, Zulassungsbescheinigung Teil I – Fahrzeugschein vom 16.09.2019)
Auch in der heutigen Zeit variiert die Schreibweise meines Nachnamens sehr stark. Die richtige Anrede bzw. Schreibweise „KRAUß“ erreicht mich leider nur sehr selten und scheint im hiesigen brandenburgisch-niederdeutschen Sprachraum nicht ganz so leicht von der Hand zu gehen:

(Quelle: Handwerkerrechnungen aus 2015 und 2026)